Sachwertverfahren 2026: Berechnung, NHK, Marktanpassung | DOERTER.
Immobilien-Lexikon · Bewertung & Preis

Sachwertverfahren, einfach erklärt.

Das Bewertungsverfahren für Unikate nach §§ 35-39 ImmoWertV. Wenn weder Vergleichspreise noch Mieterträge greifbar sind: Wert aus Herstellungskosten plus Bodenwert minus Alterswertminderung — und am Ende die alles entscheidende Marktanpassung.

Erten Dörter
Gründer · 20+ Jahre Immobilien
Veröffentlicht19. Mai 2026
Aktualisiert22. Mai 2026
Lesezeit7 Min.

Sachwertverfahren 2026: Berechnung, NHK, Marktanpassung

Was ist das Sachwertverfahren?

Das Sachwertverfahren ist nach §§ 35-39 ImmoWertV das dritte normierte Bewertungsverfahren in Deutschland. Es kommt zur Anwendung, wenn weder das Vergleichswertverfahren (zu wenig Vergleichsdaten) noch das Ertragswertverfahren (keine wirtschaftlich relevanten Mieten) angewandt werden können.

Die Logik dahinter: Was würde es kosten, dieses Gebäude heute neu zu bauen — und wie viel ist es nach Berücksichtigung des Alters und der Marktlage tatsächlich wert? Damit eignet sich das Verfahren vor allem für Unikate: freistehende Architektenhäuser, denkmalgeschützte Bauten, Sonderimmobilien wie Schulen oder Sporthallen.

Die Formel im Überblick

Sachwert = (Bodenwert + Gebäudesachwert + Außenanlagen) × Marktanpassungsfaktor

mit:
• Bodenwert = Bodenrichtwert × Grundstücksfläche
• Gebäudesachwert = NHK × BGF × Indexierung − Alterswertminderung
• Marktanpassungsfaktor: empirisch durch Gutachterausschuss

Beispielrechnung — Einfamilienhaus in Köln-Lindenthal

Annahmen: 180 m² BGF, Baujahr 1990, gepflegter Zustand, Grundstück 450 m², Bodenrichtwert 1.200 €/m², Standard-NHK 1.400 €/m², Indexierung 1,55, Marktanpassungsfaktor 1,4.

Bodenwert: 1.200 €/m² × 450 m² = 540.000 €

NHK indexiert: 1.400 € × 1,55 = 2.170 €/m²
Gebäudewert neu: 2.170 € × 180 m² = 390.600 €
Alterswertminderung (36 Jahre / 80 Jahre): 45 %
Gebäudesachwert: 390.600 × 0,55 = 214.830 €

Außenanlagen (pauschal 3-5 %): 20.000 €

Sachwert vor Anpassung: 540.000 + 214.830 + 20.000 = 774.830 €
Marktanpassung × 1,4: ≈ 1.085.000 €

Dieses Ergebnis ist deutlich höher als der reine Sachwert, weil Köln-Lindenthal eine begehrte Lage ist und Käufer bereit sind, mehr als die reine Substanz zu zahlen.

Normalherstellungskosten (NHK 2010)

Die Normalherstellungskosten (NHK 2010) sind ein Tabellenwerk des Statistischen Bundesamts, das die typischen Herstellungskosten verschiedener Gebäudetypen pro Quadratmeter Bruttogrundfläche (BGF) angibt. Stand der Erfassung: 2010, daher der Name.

Typische NHK-Werte 2010 (€ pro m² BGF)

Gebäudetyp Einfach Standard Gehoben
Einfamilienhaus, freistehend1.050 €1.400 €1.850 €
Doppelhaushälfte950 €1.300 €1.700 €
Reihenhaus900 €1.250 €1.600 €
Mehrfamilienhaus900 €1.200 €1.500 €

Indexierung auf Bewertungsstichtag

Die NHK 2010 werden mit dem Baupreisindex des Statistischen Bundesamts auf den jeweiligen Bewertungsstichtag indexiert. Stand 2026 liegt der Index bei etwa 1,55-1,60 — also haben sich die Baukosten gegenüber 2010 um etwa 55-60 % erhöht. Hauptursachen: Energiekrise, Materialkosten, Lohnkosten, GEG-Anforderungen.

Aktuell hohe Baukostenindexe

Der starke Anstieg der Baukosten seit 2021 führt dazu, dass das Sachwertverfahren bei Bestandsobjekten oft zu rechnerisch sehr hohen Werten kommt — ohne dass der Markt diese auch zahlt. Die Marktanpassungsfaktoren in vielen Lagen liegen 2026 daher unter 1,0.

Alterswertminderung

Die Alterswertminderung bildet den substanziellen Wertverlust des Gebäudes über die Zeit ab. Sie wird linear über die Gesamtnutzungsdauer berechnet.

Typische Gesamtnutzungsdauern

Verlängerung durch Modernisierung

Werden umfassende Sanierungsmaßnahmen durchgeführt — etwa Komplettsanierung der Heizung, neue Fenster, Dach, Fassade —, kann die Restnutzungsdauer verlängert werden. Eine Faustregel: Jede Sanierungsmaßnahme verlängert die Restnutzungsdauer anteilig. Eine komplette Vollsanierung kann die Restnutzungsdauer praktisch auf den Stand eines Neubaus zurücksetzen.

Marktanpassungsfaktor

Der Marktanpassungsfaktor ist die wichtigste Stellschraube im Sachwertverfahren. Er bringt den rechnerischen Sachwert auf das tatsächliche Marktniveau und wird von jedem Gutachterausschuss empirisch ermittelt.

Wie der Faktor entsteht

Der Gutachterausschuss vergleicht tatsächliche Verkaufspreise mit den rechnerischen Sachwerten für die gleichen Objekte. Aus diesem Verhältnis entsteht der Marktanpassungsfaktor — getrennt nach Region, Objekttyp, ggf. Lage und Alter.

Typische Werte 2026

Region/Lage EFH freistehend Doppelhaus Reihenhaus
Top-Lage Großstadt1,4-1,81,3-1,61,2-1,5
Großstadt Standard1,1-1,31,0-1,20,9-1,1
Mittelstadt / Speckgürtel0,9-1,10,9-1,00,8-1,0
Ländliche Lage0,7-0,90,7-0,80,6-0,8

Konkrete Werte für Ihre Region veröffentlicht der zuständige Gutachterausschuss im jährlichen Grundstücksmarktbericht.

Wann anwenden?

Klassische Anwendungsfälle

Wann das Verfahren ergänzend nützlich ist

Praxis-Empfehlung

Aus Erfahrung: Das Sachwertverfahren liefert ohne Marktanpassung oft unrealistisch hohe Werte — das verleitet zu überhöhten Preisvorstellungen. Bei Verkäufern, die unbedingt am rechnerischen Sachwert festhalten wollen, dauert der Verkauf typisch 12-24 Monate, am Ende oft mit deutlichem Preisabschlag.

Wer eine Villa oder ein Sonderobjekt verkauft, sollte unbedingt mehrere Bewertungsmeinungen einholen — und das Sachwertverfahren als nur eine von mehreren Indikationen verstehen. Die Marktrealität definiert sich aus tatsächlich zahlungswilligen Käufern, nicht aus den Herstellungskosten.

Über den Autor

Erten Dörter

Gründer DOERTER. Holdings · ehem. Lizenzpartner Engel & Völkers

Erten Dörter hat in 20 Jahren über 1.000 Immobilienverkäufe begleitet — von der 2-Zimmer-ETW in Köln-Sülz bis zum Mehrfamilienhaus im Bergischen Land. Heute strukturiert er bei DOERTER. den Verkaufsprozess für private Eigentümer neu.

1.000+begleitete Verkäufe
500+ Mio €Transaktionsvolumen
20 JahreBranchenerfahrung
Häufige Fragen

Was Verkäufer oft fragen.

Die häufigsten Fragen zu „Sachwertverfahren" — kompakt beantwortet.

Was ist das Sachwertverfahren?

Das Bewertungsverfahren nach §§ 35-39 ImmoWertV, bei dem der Wert aus Bodenwert plus Gebäudesachwert (Herstellungskosten abzüglich Alterswertminderung) berechnet und mit einem Marktanpassungsfaktor an die Marktverhältnisse angepasst wird. Es ist Standard bei Unikaten und Sonderimmobilien.

Wann wird das Sachwertverfahren angewandt?

Bei Immobilien, für die weder ausreichend Vergleichsdaten noch eine klare Ertragsperspektive vorliegt: freistehende Einfamilienhäuser in ländlicher Lage, Villen, denkmalgeschützte Objekte, Sonderbauten (Industrieanlagen, Schulen, Sportstätten), exklusive Architektenhäuser.

Was sind die Normalherstellungskosten?

Die NHK 2010 sind die durchschnittlichen Herstellungskosten verschiedener Gebäudetypen pro Quadratmeter Bruttogrundfläche, herausgegeben vom Statistischen Bundesamt. Sie werden jährlich mit dem Baupreisindex auf den Bewertungsstichtag indexiert. Stand 2026 liegt der Index gegenüber 2010 typisch bei etwa 145-160.

Wie wird die Alterswertminderung berechnet?

Lineare Wertminderung über die Gesamtnutzungsdauer des Gebäudes (typisch 70-80 Jahre für Wohngebäude). Bei einem 30 Jahre alten Wohnhaus mit 80 Jahren Gesamtnutzungsdauer: Alterswertminderung = 30/80 = 37,5 %. Bei größeren Sanierungen kann die Restnutzungsdauer verlängert werden.

Was ist der Marktanpassungsfaktor?

Der vom Gutachterausschuss empirisch ermittelte Faktor zur Anpassung des rechnerischen Sachwerts an den tatsächlichen Markt. In begehrten Lagen über 1,0 (oft 1,2-1,8 in Top-Lagen), in unbeliebten Lagen unter 1,0 (z.B. 0,6 in strukturschwachen Regionen). Ohne diese Anpassung wäre der Sachwert oft realitätsfremd.

Wie genau ist das Sachwertverfahren?

Ohne Marktanpassung sehr ungenau — der reine Sachwert kann 20-50 % vom Marktwert abweichen. Mit Marktanpassungsfaktor auf etwa 10-15 % Genauigkeit. Das ist deutlich ungenauer als das Vergleichswertverfahren in homogenen Lagen, aber bei Unikaten oft die einzig anwendbare Methode.

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